{"id":1231,"date":"2014-08-15T13:15:46","date_gmt":"2014-08-15T13:15:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ener-gie.de\/?p=1231"},"modified":"2014-08-15T13:16:09","modified_gmt":"2014-08-15T13:16:09","slug":"beantwortung-der-frage-was-ist-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ener-gie.de\/?p=1231","title":{"rendered":"BEANTWORTUNG DER FRAGE: Was ist Aufkl\u00e4rung?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berlinische Monatsschrift. Dezember-Heft 1784. S. 481-494<br \/>\n(\u00dcber 200 Jahre alt, heute aktueller als damals&#8230;)<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>AUFKL\u00c4RUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. <!--more-->Selbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie\u00dfung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so gro\u00dfer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur l\u00e4ngst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unm\u00fcndig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vorm\u00fcndern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unm\u00fcndig zu sein. Habe ich ein Buch, das f\u00fcr mich Verstand hat, einen Seelsorger, der f\u00fcr mich Gewissen hat, einen Arzt, der f\u00fcr mich die Di\u00e4t beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bem\u00fchen. Ich habe nicht n\u00f6tig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrie\u00dfliche Gesch\u00e4ft schon f\u00fcr mich \u00fcbernehmen. Da\u00df der bei weitem gr\u00f6\u00dfte Teil der Menschen (darunter das ganze sch\u00f6ne Geschlecht) den Schritt zur M\u00fcndigkeit, au\u00dfer dem da\u00df er beschwerlich ist, auch f\u00fcr sehr gef\u00e4hrlich halte, daf\u00fcr sorgen schon jene Vorm\u00fcnder, die die Oberaufsicht \u00fcber sie g\u00fctigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgf\u00e4ltig verh\u00fcteten, da\u00df diese ruhigen Gesch\u00f6pfe ja keinen Schritt au\u00dfer dem G\u00e4ngelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so gro\u00df nicht, denn sie w\u00fcrden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch sch\u00fcchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.<\/p>\n<p>Es ist also f\u00fcr jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unm\u00fcndigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unf\u00e4hig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen lie\u00df. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vern\u00fcnftigen Gebrauchs oder vielmehr Mi\u00dfbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fu\u00dfschellen einer immerw\u00e4hrenden Unm\u00fcndigkeit. Wer sie auch abw\u00fcrfe, w\u00fcrde dennoch auch \u00fcber den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gew\u00f6hnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unm\u00fcndigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.<\/p>\n<p>Da\u00df aber ein Publikum sich selbst aufkl\u00e4re, ist eher m\u00f6glich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit l\u00e4\u00dft, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vorm\u00fcndern des gro\u00dfen Haufens finden, welche, nachdem sie das Joch der Unm\u00fcndigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vern\u00fcnftigen Sch\u00e4tzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden. Besonders ist hiebei: da\u00df das Publikum, welches zuvor von ihnen unter dieses Joch gebracht worden, sie hernach selbst zwingt, darunter zu bleiben, wenn es von einigen seiner Vorm\u00fcnder, die selbst aller Aufkl\u00e4rung unf\u00e4hig sind, dazu aufgewiegelt worden; so sch\u00e4dlich ist es, Vorurteile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an denen selbst r\u00e4chen, die oder deren Vorg\u00e4nger ihre Urheber gewesen sind. Daher kann ein Publikum nur langsam zur Aufkl\u00e4rung gelangen. Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von pers\u00f6nlichem Despotism und gewinns\u00fcchtiger oder herrschs\u00fcchtiger Bedr\u00fcckung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zustande kommen; sondern neue Vorurteile werden, ebensowohl als die alten, zum Leitbande des gedankenlosen gro\u00dfen Haufens dienen.<\/p>\n<p>Zu dieser Aufkl\u00e4rung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unsch\u00e4dlichste unter allem, was nur Freiheit hei\u00dfen mag, n\u00e4mlich die: von seiner Vernunft in allen St\u00fccken \u00f6ffentlichen Gebrauch zu machen. Nun h\u00f6re ich aber von allen Seiten rufen: R\u00e4sonniert nicht! Der Offizier sagt: R\u00e4sonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: R\u00e4sonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: R\u00e4sonniert nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: R\u00e4sonniert, soviel ihr wollt und wor\u00fcber ihr wollt, aber gehorcht!) Hier ist \u00fcberall Einschr\u00e4nkung der Freiheit. Welche Einschr\u00e4nkung aber ist der Aufkl\u00e4rung hinderlich, welche nicht, sondern ihr wohl gar bef\u00f6rderlich? \u2013 Ich antworte: Der \u00f6ffentliche Gebrauch seiner Vernunft mu\u00df jederzeit frei sein, und der allein kann Aufkl\u00e4rung unter Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf \u00f6fters sehr enge eingeschr\u00e4nkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufkl\u00e4rung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter dem \u00f6ffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten b\u00fcrgerlichen Posten oder Amte von seiner Vernunft machen darf. Nun ist zu manchen Gesch\u00e4ften, die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser Mechanism notwendig, vermittelst dessen einige Glieder des gemeinen Wesens sich blo\u00df passiv verhalten m\u00fcssen, um durch eine k\u00fcnstliche Einhelligkeit von der Regierung zu \u00f6ffentlichen Zwecken gerichtet oder wenigstens von der Zerst\u00f6rung dieser Zwecke abgehalten zu werden. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt zu r\u00e4sonnieren; sondern man mu\u00df gehorchen. Sofern sich aber dieser Teil der Maschine zugleich als Glied eines ganzen gemeinen Wesens, ja sogar der Weltb\u00fcrgergesellschaft ansieht, mithin in der Qualit\u00e4t eines Gelehrten, der sich an ein Publikum im eigentlichen Verstande durch Schriften wendet, kann er allerdings r\u00e4sonnieren, ohne da\u00df dadurch die Gesch\u00e4fte leiden, zu denen er zum Teile als passives Glied angesetzt ist. So w\u00fcrde es sehr verderblich sein, wenn ein Offizier, dem von seinen Oberen etwas anbefohlen wird, im Dienste \u00fcber die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit oder N\u00fctzlichkeit dieses Befehls laut vern\u00fcnfteln wollte; er mu\u00df gehorchen. Es kann ihm aber billigerma\u00dfen nicht verwehrt werden, als Gelehrter \u00fcber die Fehler im Kriegesdienste Anmerkungen zu machen und diese seinem Publikum zur Beurteilung vorzulegen. Der B\u00fcrger kann sich nicht weigern, die ihm auferlegten Abgaben zu leisten; sogar kann ein vorwitziger Tadel solcher Auflagen, wenn sie von ihm geleistet werden sollen, als ein Skandal, (das allgemeine Widersetzlichkeiten veranlassen k\u00f6nnte), bestraft werden. Ebenderselbe handelt demohngeachtet der Pflicht eines B\u00fcrgers nicht entgegen, wenn er als Gelehrter wider die Unschicklichkeit oder auch Ungerechtigkeit solcher Ausschreibungen \u00f6ffentlich seine Gedanken \u00e4u\u00dfert. Ebenso ist ein Geistlicher verbunden, seinen Katechismussch\u00fclern und seiner Gemeine nach dem Symbol der Kirche, der er dient, seinen Vortrag zu tun, denn er ist auf diese Bedingung angenommen worden. Aber als Gelehrter hat er volle Freiheit, ja sogar den Beruf dazu, alle seine sorgf\u00e4ltig gepr\u00fcften und wohlmeinenden Gedanken \u00fcber das Fehlerhafte in jenem Symbol und Vorschl\u00e4ge wegen besserer Einrichtung des Religions- und Kirchenwesens dem Publikum mitzuteilen. Es ist hiebei auch nichts, was dem Gewissen zur Last gelegt werden k\u00f6nnte. Denn was er zufolge seines Amts als Gesch\u00e4fttr\u00e4ger der Kirche lehrt, das stellt er als etwas vor, in Ansehung dessen er nicht freie Gewalt hat, nach eigenem Gutd\u00fcnken zu lehren, sondern das er nach Vorschrift und im Namen eines andern vorzutragen angestellt ist. Er wird sagen: unsere Kirche lehrt dieses oder jenes; das sind die Beweisgr\u00fcnde, deren sie sich bedient. Er zieht alsdann allen praktischen Nutzen f\u00fcr seine Gemeinde aus Satzungen, die er selbst nicht mit voller \u00dcberzeugung unterschreiben w\u00fcrde, zu deren Vortrag er sich gleichwohl anheischig machen kann, weil es doch nicht ganz unm\u00f6glich ist, da\u00df darin Wahrheit verborgen l\u00e4ge, auf alle F\u00e4lle aber wenigstens doch nichts der innern Religion Widersprechendes darin angetroffen wird. Denn glaubte er das letztere darin zu finden, so w\u00fcrde er sein Amt mit Gewissen nicht verwalten k\u00f6nnen; er m\u00fc\u00dfte es niederlegen. Der Gebrauch also, den ein angestellter Lehrer von seiner Vernunft vor seiner Gemeinde macht, ist blo\u00df ein Privatgebrauch, weil diese immer nur eine h\u00e4usliche, obzwar noch so gro\u00dfe Versammlung ist; und in Ansehung dessen ist er als Priester nicht frei und darf es auch nicht sein, weil er einen fremden Auftrag ausrichtet. Dagegen als Gelehrter, der durch Schriften zum eigentlichen Publikum, n\u00e4mlich der Welt spricht, mithin der Geistliche im \u00f6ffentlichen Gebrauche seiner Vernunft, genie\u00dft einer uneingeschr\u00e4nkten Freiheit, sichseiner eigenen Vernunft zu bedienen und in seiner eigenen Person zu sprechen. Denn da\u00df die Vorm\u00fcnder des Volks (in geistlichen Dingen) selbst wieder unm\u00fcndig sein sollen, ist eine Ungereimtheit, die auf Verewigung der Ungereimtheiten hinausl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Aber sollte nicht eine Gesellschaft von Geistlichen, etwa eine Kirchenversammlung oder eine ehrw\u00fcrdige Classis (wie sie sich unter den Holl\u00e4ndern selbst nennt), berechtigt sein, sich eidlich auf ein gewisses unver\u00e4nderliches Symbol zu verpflichten, um so eine unaufh\u00f6rliche Obervormundschaft \u00fcber jedes ihrer Glieder und vermittelst ihrer \u00fcber das Volk zu f\u00fchren und diese so gar zu verewigen? Ich sage: das ist ganz unm\u00f6glich. Ein solcher Kontrakt, der auf immer alle weitere Aufkl\u00e4rung vom Menschengeschlechte abzuhalten geschlossen w\u00fcrde, ist schlechterdings null und nichtig; und sollte er auch durch die oberste Gewalt, durch Reichstage und die feierlichsten Friedensschl\u00fcsse best\u00e4tigt sein. Ein Zeitalter kann sich nicht verb\u00fcnden und darauf verschw\u00f6ren, das folgende in einen Zustand zu setzen, darin es ihm unm\u00f6glich werden mu\u00df, seine (vornehmlich so sehr angelegentliche) Erkenntnisse zu erweitern, von Irrt\u00fcmern zu reinigen und \u00fcberhaupt in der Aufkl\u00e4rung weiterzuschreiten. Das w\u00e4re ein Verbrechen wider die menschliche Natur, deren urspr\u00fcngliche Bestimmung gerade in diesem Fortschreiten besteht; und die Nachkommen sind also vollkommen dazu berechtigt, jene Beschl\u00fcsse, als unbefugter und frevelhafter Weise genommen, zu verwerfen. Der Probierstein alles dessen, was \u00fcber ein Volk als Gesetz beschlossen werden kann, liegt in der Frage: ob ein Volk sich selbst wohl ein solches Gesetz auferlegen k\u00f6nnte? Nun w\u00e4re dieses wohl, gleichsam in der Erwartung eines bessern, auf eine bestimmte kurze Zeit m\u00f6glich, um eine gewisse Ordnung einzuf\u00fchren: indem man es zugleich jedem der B\u00fcrger, vornehmlich dem Geistlichen, frei lie\u00dfe, in der Qualit\u00e4t eines Gelehrten \u00f6ffentlich, d. i. durch Schriften, \u00fcber das Fehlerhafte der dermaligen Einrichtung seine Anmerkungen zu machen, indessen die eingef\u00fchrte Ordnung noch immer fortdauerte, bis die Einsicht in die Beschaffenheit dieser Sachen \u00f6ffentlich so weit gekommen und bew\u00e4hret worden, da\u00df sie durch Vereinigung ihrer Stimmen (wenngleich nicht aller) einen Vorschlag vor den Thron bringen k\u00f6nnte, um diejenigen Gemeinden in Schutz zu nehmen, die sich etwa nach ihren Begriffen der besseren Einsicht zu einer ver\u00e4nderten Religionseinrichtung geeinigt h\u00e4tten, ohne doch diejenigen zu hindern, die es beim alten wollten bewenden lassen. Aber auf eine beharrliche, von niemanden \u00f6ffentlich zu bezweifelnde Religionsverfassung auch nur binnen der Lebensdauer eines Menschen sich zu einigen, und dadurch einen Zeitraum in dem Fortgange der Menschheit zur Verbesserung gleichsam zu vernichten und fruchtlos, dadurch aber wohl gar der Nachkommenschaft nachteilig zu machen ist schlechterdings unerlaubt. Ein Mensch kann zwar f\u00fcr seine Person und auch alsdann nur auf einige Zeit in dem, was ihm zu wissen obliegt, die Aufkl\u00e4rung aufschieben; aber auf sie Verzicht zu tun, es sei f\u00fcr seine Person, mehr aber noch f\u00fcr die Nachkommenschaft, hei\u00dft die heiligen Rechte der Menschheit verletzen und mit F\u00fc\u00dfen treten. Was aber nicht einmal ein Volk \u00fcber sich selbst beschlie\u00dfen darf, das darf noch weniger ein Monarch \u00fcber das Volk beschlie\u00dfen; denn sein gesetzgebendes Ansehen beruht eben darauf, da\u00df er den gesamten Volkswillen in dem seinigen vereinigt. Wenn er nur darauf sieht, da\u00df alle wahre oder vermeinte Verbesserung mit der b\u00fcrgerlichen Ordnung zusammenbestehe, so kann er seine Untertanen \u00fcbrigens nur selbst machen lassen, was sie um ihres Seelenheils willen zu tun n\u00f6tig finden; das geht ihn nichts an, wohl aber zu verh\u00fcten, da\u00df nicht einer den andern gewaltt\u00e4tig hindere, an der Bestimmung und Bef\u00f6rderung desselben nach allem seinen Verm\u00f6gen zu arbeiten. Es tut selbst seiner Majest\u00e4t Abbruch, wenn er sich hierin mischt, indem er die Schriften, wodurch seine Untertanen ihre Einsichten ins reine zu bringen suchen, seiner Regierungsaufsicht w\u00fcrdigt, sowohl wenn er dieses aus eigener h\u00f6chsten Einsicht tut, wo er sich dem Vorwurfe aussetzt: Caesar non est supra grammaticos, als auch und noch weit mehr, wenn er seine oberste Gewalt soweit erniedrigt, den geistlichen Despotism einiger Tyrannen in seinem Staate gegen seine \u00fcbrigen Untertanen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Wenn denn nun gefragt wird: leben wir jetzt in einem aufgekl\u00e4rten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufkl\u00e4rung. Da\u00df die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im ganzen genommen, schon imstande w\u00e4ren oder darin auch nur gesetzt werden k\u00f6nnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines andern sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehrviel. Allein, da\u00df jetzt ihnen doch das Feld ge\u00f6ffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten und die Hindernisse der allgemeinen Aufkl\u00e4rung oder des Ausganges aus ihrer selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit allm\u00e4hlich weniger werden, davon haben wir doch deutliche Anzeigen. In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung oder das Jahrhundert FRIEDERICHS.<\/p>\n<p>Ein F\u00fcrst, der es seiner nicht unw\u00fcrdig findet zu sagen, da\u00df er es f\u00fcr Pflicht halte, in Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu lassen, der also selbst den hochm\u00fctigen Namen der Toleranz von sich ablehnt, ist selbst aufgekl\u00e4rt und verdient von der dankbaren Welt und Nachwelt als derjenige gepriesen zu werden, der zuerst das menschliche Geschlecht der Unm\u00fcndigkeit, wenigsten von seiten der Regierung, entschlug und jedem frei lie\u00df, sich in allem, was Gewissensangelegenheit ist, seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Unter ihm d\u00fcrfen verehrungsw\u00fcrdige Geistliche, unbeschadet ihrer Amtspflicht, ihre vom angenommenen Symbol hier oder da abweichenden Urteile und Einsichten in der Qualit\u00e4t der Gelehrten frei und \u00f6ffentlich der Welt zur Pr\u00fcfung darlegen; noch mehr aber jeder andere, der durch keine Amtspflicht eingeschr\u00e4nkt ist. Dieser Geist der Freiheit breitet sich auch au\u00dferhalb aus, selbst da, wo er mit \u00e4u\u00dferen Hindernissen einer sich selbst mi\u00dfverstehenden Regierung zu ringen hat. Denn es leuchtet dieser doch ein Beispiel vor, da\u00df bei Freiheit f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ruhe und Einigkeit des gemeinen Wesens nicht das mindeste zu besorgen sei. Die Menschen arbeiten sich von selbst nach und nach aus der Rohigkeit heraus, wenn man nur nicht absichtlich k\u00fcnstelt, um sie darin zu erhalten.<\/p>\n<p>Ich habe den Hauptpunkt der Aufkl\u00e4rung, d. i. des Ausganges der Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit, vorz\u00fcglich in Religionssachen gesetzt, weil in Ansehung der K\u00fcnste und Wissenschaften unsere Beherrscher kein Interesse haben, den Vormund \u00fcber ihre Untertanen zu spielen, \u00fcberdem auch jene Unm\u00fcndigkeit, so wie die sch\u00e4dlichste, also auch die entehrendste unter allen ist. Aber die Denkungsart eines Staatsoberhaupts, der die erstere beg\u00fcnstigt, geht noch weiter und sieht ein: da\u00df selbst in Ansehung seiner Gesetzgebung es ohne Gefahr sei, seinen Untertanen zu erlauben, von ihrer eigenen Vernunft \u00f6ffentlichen Gebrauch zu machen und ihre Gedanken \u00fcber eine bessere Abfassung derselben, sogar mit einer freim\u00fctigen Kritik der schon gegebenen, der Welt \u00f6ffentlich vorzulegen; davon wir ein gl\u00e4nzendes Beispiel haben, wodurch noch kein Monarch demjenigen vorging, welchen wir verehren.<\/p>\n<p>Aber auch nur derjenige, der, selbst aufgekl\u00e4rt, sich nicht vor Schatten f\u00fcrchtet, zugleich aber ein wohldiszipliniertes zahlreiches Heer zum B\u00fcrgen der \u00f6ffentlichen Ruhe zur Hand hat, \u2013 kann das sagen, was ein Freistaat nicht wagen darf: R\u00e4sonniert, soviel ihr wollt, und wor\u00fcber ihr wollt; nur gehorcht! So zeigt sich hier ein befremdlicher, nicht erwarteter Gang menschlicher Dinge; sowie auch sonst, wenn man ihn im gro\u00dfen betrachtet, darin fast alles paradox ist. Ein gr\u00f6\u00dferer Grad b\u00fcrgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volks vorteilhaft und setzt ihr doch un\u00fcbersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschafft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinen Verm\u00f6gen auszubreiten. Wenn denn die Natur unter dieser harten H\u00fclle den Keim, f\u00fcr den sie am z\u00e4rtlichsten sorgt, n\u00e4mlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allm\u00e4hlich zur\u00fcck auf die Sinnesart des Volks, (wodurch dies der Freiheit zu handeln nach und nach f\u00e4higer wird), und endlich auch sogar auf die Grunds\u00e4tze der Regierung, die es ihr selbst zutr\u00e4glich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner W\u00fcrde gem\u00e4\u00df zu behandeln(1).<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nigsberg in Preu\u00dfen, den 30. Septemb. 1784. I. Kant.<\/strong><\/p>\n<p>__________<br \/>\n(1) In den B\u00fcschingschen W\u00f6chentlichen Nachrichten vom 13. Sept. lese ich heute den 30. ebendess. die Anzeige der<br \/>\nBerlinischen Monatsschrift von diesem Monat, worin des Herrn Mendelssohn Beantwortung ebenderselben Frage angef\u00fchrt<br \/>\nwird. Mir ist sie noch nicht zu H\u00e4nden gekommen; sonst w\u00fcrde sie die gegenw\u00e4rtige zur\u00fcckgehalten haben, die jetzt nur zum<br \/>\nVersuche dastehen mag, wiefern der Zufall Einstimmigkeit der Gedanken zuwege bringen k\u00f6nne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlinische Monatsschrift. Dezember-Heft 1784. S. 481-494 (\u00dcber 200 Jahre alt, heute aktueller als damals&#8230;) AUFKL\u00c4RUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit. 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